Offener Brief zur Nichtaufnahme von Para-Bob in das paralympische Programm (Zyklus 2030)
Innsbruck,
Die Entscheidung, Para-Bob trotz erfüllter Kriterien nicht in das paralympische Programm für den Zyklus 2030 aufzunehmen, sorgt international für Diskussionen. Mehrere Athleten haben sich daher mit einem offenen Brief an das Internationale Paralympische Komitee sowie an Medienvertreterinnen und Medienvertreter gewandt.
"Die Entscheidung, Para-Bob trotz erfüllter Kriterien nicht in das paralympische Programm für den Zyklus 2030 aufzunehmen, wirft grundlegende Fragen nach den Maßstäben und Entscheidungsprozessen des internationalen paralympischen Sports auf.
Dieser offene Brief richtet sich an Sie aus der Perspektive eines Para-Bob-Athleten – und zugleich aus der Perspektive eines Sportsystems, das sich an seinen eigenen, selbst gesetzten Prinzipien messen lassen muss.
Para-Bob erfüllt für den Zyklus bis 2030 die vom IPC definierten formalen Kriterien zur Aufnahme in das paralympische Programm. Diese Tatsache ist dokumentiert, überprüfbar und zwischen den beteiligten Institutionen unstrittig. Damit stellt sich nicht mehr die Frage, ob Para-Bob sportlich, organisatorisch oder strukturell geeignet ist, sondern warum eine Sportart, die diese Voraussetzungen erfüllt, dennoch keinen Platz im paralympischen Programm findet.
Para-Bob ist Hochleistungssport mit klaren, objektiven Leistungsparametern. Die sportliche Entscheidung fällt über Zeit, Technik, Präzision, Mut und mentale Stärke. Wie in allen paralympischen Sportarten existiert auch im Para-Bob eine Klassifizierung. Diese wirkt jedoch nicht leistungsregulierend auf den Wettkampf. Sie greift nicht in die Ergebnisermittlung ein. Die Platzierung ergibt sich unmittelbar aus der sportlichen Leistung.
Im Wettkampf starten alle Athletinnen und Athleten unter denselben Regeln, auf derselben Strecke und mit identischer Messgröße. Viele potenziell leistungsrelevante Unterschiede werden durch Technik, Regelwerk und Standardisierung neutralisiert. Der verbleibende Unterschied liegt im sportimmanenten Spüren und Beherrschen des Geräts bei hohen Geschwindigkeiten. Dieser wirkt nicht systemisch, sondern bleibt Teil des sportlichen Wettbewerbs – vergleichbar mit fahrerischem Können in anderen Hochgeschwindigkeitssportarten. Die Uhr entscheidet.
Damit bietet Para-Bob ein Maß an Transparenz und Vergleichbarkeit, das für Publikum und Medien ohne zusätzliche Erklärung unmittelbar nachvollziehbar ist. Leistung ist sichtbar, eindeutig einordenbar und klar entscheidbar.
Die öffentliche Wirkung dieser Sportart ist eindeutig. Die Wahrnehmung von Zuschauerinnen und Zuschauern sowie von Medienvertreterinnen und -vertretern ist dabei nicht von Mitleid oder Distanz geprägt, sondern von der Anerkennung sportlicher Leistung. Im Vordergrund stehen technische Präzision, fahrerisches Können und unmittelbare Vergleichbarkeit – Eigenschaften, die üblicherweise mit internationalem Hochleistungssport assoziiert werden und keiner zusätzlichen Erklärung bedürfen.
Dies wurde unter anderem bei den IBSF-Weltmeisterschaften 2023 in St. Moritz deutlich, als die Para-Bobsleigh-Entscheidungen als integraler Bestandteil der Gesamtweltmeisterschaft gemeinsam mit den nichtbehinderten Disziplinen ausgetragen wurden.
Die Paralympischen Spiele beanspruchen, gesellschaftliche Wahrnehmung nachhaltig zu verändern und den paralympischen Sport als gleichwertigen Teil des internationalen Hochleistungssports zu positionieren. Para-Bob trägt nachweislich zu diesem Anspruch bei. Die Wahrnehmung der Athletinnen und Athleten unterscheidet sich nicht von jener nichtbehinderter Hochleistungssportlerinnen und -sportler. Gleichstellung ist hier keine Zielbeschreibung, sondern gelebte Realität.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale sachliche Frage, die bislang unbeantwortet bleibt: Welche bereits im paralympischen Programm vertretene Sportart weist eine vergleichbare Kombination aus notwendiger Klassifizierung und gleichzeitig nicht leistungsregulierender Wettkampfstruktur auf, bei der die sportliche Entscheidung für Publikum und Medien ebenso unmittelbar, transparent und eindeutig nachvollziehbar ist?
Diese Frage ist ausdrücklich nicht als Abwertung bestehender Disziplinen zu verstehen. Klassifizierungen sind sportlich notwendig und legitim. Sie machen jedoch sichtbar, dass Para-Bob eine strukturelle Besonderheit darstellt und in besonderer Klarheit jene Eigenschaften vereint, die der paralympische Sport selbst als Entwicklungsziele formuliert: Fairness, Transparenz, Vergleichbarkeit und Verständlichkeit.
Dass eine solche Sportart trotz erfüllter formaler Kriterien bislang keinen Platz im paralympischen Programm findet, ist daher nicht sportlich erklärungsbedürftig, sondern institutionell erklärungspflichtig.
Mir ist bewusst, dass Programmentscheidungen nicht ausschließlich auf sportlicher Qualität beruhen. Dennoch bleibt eine sachlich kaum zu umgehende Feststellung: Wenn eine Sportart die formalen Kriterien erfüllt, sportlich ausgereift ist, bestehende Infrastruktur nutzt, mediale Attraktivität besitzt und zugleich ein Höchstmaß an Transparenz und Nachvollziehbarkeit bietet, dann muss ihre Nichtaufnahme öffentlich sowie inhaltlich nachvollziehbar begründet werden.
Bislang liegt zu dieser Entscheidung keine öffentlich zugängliche, inhaltliche Begründung vor.
Ich fordere das IPC daher auf, die Entscheidung zur Nichtaufnahme von Para-Bob für 2030 entweder erneut zu prüfen oder diese Entscheidung transparent, nachvollziehbar und öffentlich zu begründen – nicht aus emotionalen Gründen, sondern aus Gründen der sportlichen Logik, der Fairness und der Glaubwürdigkeit des paralympischen Sports.
Die Beantwortung dieser Frage betrifft nicht nur Para-Bob, sondern die Glaubwürdigkeit der Kriterien, nach denen paralympischer Spitzensport bewertet und weiterentwickelt wird."
Hermann Ellmauer (Para-Bob-Athlet), Corrie Mapp (Para-Bob-Athlet), Christopher Stewart (Para-Bob-Athlet und Athletensprecher)